• Jahr: 2017
  • Entwickler: Accidental Queens
  • Plattform: Windows, Mac, Linux, Android, Nintendo Switch
  • Altersfreigabe: FSK 12
  • Geeignet für: ab Klasse 8
  • Fachbezug: Deutsch, Ethik, Religion

 „Du hast ein Telefon gefunden. Finde die Wahrheit heraus.“ – Das ist die erste Nachricht, die Spielende auf dem nüchternen Mobiltelefon erblicken, sobald sie „A Normal Lost Phone“ starten, darunter nur der Hinweis, dass „Papa“ vier Nachrichten gesendet hat. Dieser fragt, wo Sam geblieben ist und macht sich Sorgen. Während man befürchtet, dass Sam einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, liest man weitere Nachrichten: Es ist der Tag von Sams 18. Geburtstag und viele Glückwünsche werden von unterschiedlichsten Kontakten gesendet. Doch Sam ist verschwunden und schnell stellt man fest, dass das Telefon kaum zu gebrauchen ist, da keine Internetverbindung besteht und das Guthaben des Prepaid-Tarifes aufgebraucht ist. Wem gehört also das Telefon und was ist passiert?

„A Normal Lost Phone“ ist ein Spiel der Kontraste: Die verspielte und warme Darstellung des Interface und die unverfänglichen Nachrichten von Familie und Freunden stehen im großen Widerspruch zu Sams Gefühlswelt und familiärer Situation. Spielende, die das Telefon durchforschen, erkennen, dass Sam transgender ist und aufgrund ihrer Erfahrungen mit Familie und Freunden mit einigen Problemen konfrontiert wird. Der drastische Schritt den Sam letztlich unternimmt – sie verlässt ihre Familie und ihr altes Leben– macht deutlich, dass die sexuelle Orientierung als Grundsatz menschlicher Existenz, vor allem von anderen zu einem ‚Problem‘ erklärt wird, das logischerweise dazu führt, dass das Bewusstsein über sich selbst nicht nur ins Wanken, sondern auch in Frage gestellt wird. Das Suchen und Finden der eigenen Identität wird in diesem Spiel sensibel, feinfühlig und auch glaubhaft dargestellt, sodass ein Reflektieren über sich selbst und andere angeregt und herausgefordert wird.

Sicherlich muss bei einem Einsatz im Unterricht auch über Datenschutz und darüber gesprochen werden, dass Persönlichkeitsrechte nicht verletzt werden dürfen – selbst wenn es darum geht, jemandem ein Telefon zurückzubringen. Dieser Aspekt spielt allerdings in „A Normal Lost Phone“ nur eine untergeordnete Rolle.

Die Thematik des Spiels bietet sich für den Religions- und Ethikunterricht an, denn das Thema des Spiels berührt die Frage nach der Identität eines Menschen und des Miteinanders. Sams Furcht und Flucht vor der Familie rührt aus Erfahrungen im Umgang der Familie mit homosexuellen Familienmitgliedern, die verleumdet und verstoßen werden. Dabei gilt es zu überlegen, was einen Menschen und seine Identität auszeichnet und inwiefern diesbezügliche Ideologien zu Problemen führen. Das Spiel eignet sich gerade deshalb für eine Thematisierung, weil die indirekte Darstellung durch Chats zwar eine Distanz zur Figur erzeugt, gleichsam aber die Verfassung Sams durch den ‚intimen Blick in die Figur‘ nachvollzogen werden kann.

Aufgrund der Tatsache, dass „A Normal Lost Phone“ eine Coming-of-Age-Geschichte liefert, ist das Spiel für den Deutschunterricht interessant und herausfordernd. Dies liegt vor allem am non-linearen und fragmentierten Text, aus dem die nötigen Informationen herausgefiltert werden müssen, um narrative Leerstellen füllen zu können. Dabei zeigt sich die Performanz der Lesekompetenz im Fortschritt des Spiels, die motivational durch die Wirksamkeit eigenen Spielens unterstützt wird. Gleichfalls wie in anderen Fächern werden auch hier anthropologische Grundfragen angesprochen, die zu Diskussionen auffordern. Besonders das Nachvollziehen von Handlungsmotivationen, Perspektiven und Grunderfahrungen von literarischen Figuren lassen sich mit dem Gegenstand thematisieren und verhandeln.