Nicky datet seit einigen Wochen einen Jungen aus seiner Schule, gemeinsam gehen sie ins Kino, sie chatten viel, kommen sich näher. Nickys Eltern aber sind sehr konservativ und er befürchtet, dass sie negativ reagieren, wenn er sich ihnen gegenüber öffnet, sodass er bisher alles geheim hält. Was soll er also tun?

In diesem kurzen Browserspiel verarbeitet der Entwickler, Nicky Case, sein eigenes Coming Out und vermischt dabei Fiktion und Realität. Spielende beeinflussen das Spiel durch Entscheidungen, die sie in Dialogen treffen. Dabei wird im Spiel allerdings schon ganz zum Beginn klar, dass es keine richtigen Antworten gibt.

Das eigentliche Spiel besteht aus nur wenigen Szenen:

Wir führen als Nicky ein Gespräch über Messenger mit seinem Freund Jack, der den Eltern von Nicky nur als Lernkumpel bekannt ist und der Nicky dazu drängt, sich seinen Eltern gegenüber zu öffnen.

Beim anschließenden Abendessen führen wir ein Gespräch mit Nickys Mutter, die uns über Jack und das gemeinsame Lernen ausfragt, bis sie erzählt, dass sie unsere Nachrichten gelesen hat. Sie kann nicht glauben, dass wir bisexuell sind, sie weint und übergibt sich. Als der Vater hinzutritt, wird die Situation nochmals angespannter. Die Eltern wollen Nicky aus der Schule nehmen und haben für ihn eine attraktive Nachhilfelehrerin ausgesucht. Am Ende führen wir noch ein letztes Gespräch mit Jack, bevor das Spiel endet.

Gerahmt wird das Spielgeschehen durch ein Gespräch, das die Spielenden mit Nicky in einem Coffeeshop führen; er erzählt über die Motivation für sein Spiel und wie die Geschichte ausging.

 

Auch wenn der Name nahelegt, dass das Spiel eine „Simulation“ ist, also eine möglichst wirklichkeitsnahe Abbildung, geht es dem Entwickler eben nicht darum, Coming Outs zu simulieren, sondern um die schwierige Entscheidung zwischen Ehrlichkeit und Lüge: Ehrlichkeit, die ungeliebt ist und für die man bestraft wird und Lüge, die einen zwingt, vorsichtig zu sein, um die Fiktion aufrechtzuerhalten.

Obwohl das Spiel den Spielenden die Möglichkeit offen lässt, aus verschiedenen Antwortoptionen auszuwählen, gibt es nicht „die eine“ richtige Antwort, ebenso wenig wie auf die Fragen nach Lüge und Wahrheit, die das Spiel stellt. Vielmehr endet das Spiel – unabhängig von den Antworten der Spielenden – immer in der gleichen Eskalation: Die Mutter erbricht und weint, der Vater schlägt Nicky.

Damit bietet das Spielgeschehen reichlich Anknüpfungspunkte für den Unterricht, es geht um Wahrheit und Lüge, soziale Konventionen, Perspektivübernahme, Akzeptanz und natürlich Coming Outs. Die Vielzahl dieser Anknüpfungspunkte macht eine vorsichtige Einbettung dieses Spiels in den Unterricht besonders wichtig, um eine gelungene Reflexion zu ermöglichen. Manche Dinge werden im Spiel nur am Rande angesprochen, sollten im Unterricht jedoch beachtet werden. So können etwa die verschiedenen Figuren und ihre Beweggründe näher beleuchtet werden, Nicky Case schreibt hierzu: „Jack wanted me to be proud of my identity, and ignored my safety. Mother wanted me to be safe, but ignored my identity.” (https://blog.ncase.me/coming-out-simulator-2014/)

Da das Spiel verschiedene Anspielungen macht und in Teilen sehr ironisch ist, bietet sich die Behandlung vor allem mit älteren Schülergruppen an, die diesen Humor verstehen und deuten können. Ein weiterer Grund für die Behandlung mit älteren Schülerinnen und Schülern ist die vom Spielenden verlangte, recht hohe Lesegeschwindigkeit, die das Verständnis vor allem für diejenigen erschwert, die Sprachschwierigkeiten haben.

Der Coming Out Simulator bietet sich folglich zum einen für den Englischunterricht an, bei dem ausgehend vom Spiel die oben angedeuteten Themen diskutiert werden. Gleichzeitig ist aber auch eine Verwendung im Ethik- und Gemeinschaftskundeunterricht denkbar, wenn über Identität und sozialen Druck gesprochen werden soll.