Gost Giant

Wenn Menschen aus dem näheren persönlichen Umfeld schlechte Laune haben, versucht man diese durch gemeinsame Unternehmungen oder kleine Aufmerksamkeiten wieder aufzumuntern. Doch was, wenn die schlechten Launen immer häufiger und heftiger auftreten, die entsprechende Person zum Teil nicht einmal mehr die Kraft aufwenden kann, aufzustehen?

Ghost Giant thematisiert ein solches Szenario und versetzt die Lernenden in die Rolle eines großen unsichtbaren Geistes. Als dieser gilt es nun, dem kleinen Kater Louis in einer imaginären Welt unterstützend unter die Arme zu greifen, damit dieser den maroden Bauernhof seiner depressiven Mutter irgendwie am Laufen halten kann. So gilt es bspw., am Hafen einen Kran zu reparieren, um damit die frisch eingetroffene Ladung mit Sonnenblumenkernen in die Stadt befördern zu lassen; die Belohnung in Form eines kleinen Säckchens der Samen wird abschließend auf dem eigenen Bauernhof gesät. Dies geschieht – man ist ja immerhin ein unsichtbarer riesiger Geist – indem die Spielenden Hausdächer heben oder rotieren und ganze Autos versetzen. Neben diesen eher alltäglichen Aufgaben gibt es jedoch auch zwischenmenschliche „Herzensangelegenheiten“ für die Bewohner der Kleinstadt Sancourt zu erledigen: Einer Autorin ihre kreative Arbeit ermöglichen, für einen Musiker eine künstlerische Inspiration suchen und einem verliebten Freund der Mutter das passende Geschenk besorgen.

So sehr sich Louis auch bemüht und so spannend und knifflig die Aufgaben für die Lernenden zu sein scheinen: All diese Aufgaben überfordern langfristig einen neunjährigen kleinen Kater und sollten auch nicht Bestandteil dessen Alltags sein. So wird am Ende der zuvor riesige helfende Geist auf die Größe einer Ameise geschrumpft und in eine passive Rolle versetzt, damit die anderen erwachsenen Tiere der kranken Mutter helfen können. Durch einen Zeitsprung drei Monate in die Zukunft sehen wir schließlich eine erholte Mutter und einen mit seinem Kumpel Maurice spielenden Louis.

Die Anwendung Ghost Giant ermöglicht eine kindgerechte und feinfühlige Thematisierung von Depressionen, Freundschaften und Mut. Wir treffen zu Beginn auf einen unsicheren kleinen Kater mit großem Herzen, der sich vergebens bemüht, seine Mutter aufzumuntern und deren Krankheit nicht erkennen kann; wie sollte er auch? Die Lernenden tauchen dabei in die symbolische Rolle eines erziehenden Erwachsenen, der Louis durch anpackende und fürsorgliche Unterstützung dabei hilft, die Aufgaben zu bewältigen. Daneben auch noch Freundschaften zu pflegen, fällt da natürlich unheimlich schwer. Das Resultat ist der enttäuschte kleine Kater Maurice, der zugleich sein tierischer Kumpel ist. Durch das Erledigen der Aufgaben hatte Louis Maurice vernachlässigt und die gemeinsame Leidenschaft, die Musik, schweifen lassen. Somit gilt es zusätzlich für Louis die kleine Krise der Freundschaft zu überstehen und das von Maurice in Wut zerbrochene Piano zu ersetzen; natürlich mithilfe des Geistes. Wie auch in weiteren Szenen wird im Rahmen dieser Aufgabe eine Scham thematisiert, die mit Depressionen einhergeht: Traut sich Louis in der vertrauten Gesellschaft mit Maurice, langsam und stückweise sein Gefühlsleben zu offenbaren, zieht er sich durch das Hinzukommen des Vaters von Maurice sofort wieder in eine Abwehrhaltung zurück und verliert sich im Schönreden der prekären Lage seiner Mutter.

Doch nicht nur die Freundschaft zu Maurice wird auf die Probe gestellt, auch der unischere Louis mit wenig Mut wächst durch die Aufgaben. Bspw. den temperamentvollen Musiklehrer um einen Gefallen zu bitten oder dem dunklen und gruseligen Friedhof zumindest etwas von seiner schaurigen Seite zu nehmen erfordert Mut und Zuversicht. Gemeinsam mit Louis erhalten die Lernenden somit Möglichkeiten, sich gemeinsam mit dem Protagonisten den – womöglich auch eigenen – Ängsten zu stellen und sie zu überwinden.

Dass trotz alledem eine Depression eine Krankheit bleibt, die nur bedingt durch die herzlichen Bemühungen eines Kindes, einen Apfelkuchen oder Musik heilbar ist, verdeutlicht das Ende: Die Bürde des Kümmerns wird von den Schultern des kleinen Katers genommen, mehrere erwachsene Tiere nehmen sich der ernsten Sache an. Die Lernenden werden dabei in eine passive Rolle versetzt, in der sie die Handlung nicht mehr beeinflussen können. Durch einen Zeitsprung in die Zukunft befinden sich die Lernenden abschließend erneut in der Rolle des unsichtbaren großen Geistes, jedoch nach wie vor in passiver Rolle: Wir sehen eine erholt wirkende Mutter und einen mit Maurice rumtollenden Louis. Die Welt scheint wieder in Ordnung, Louis und seine Mutter führen zusammen mit ihren Bekannten und Freunden wieder ein eigenständiges und glückliches Leben.