Das Postreh streckt seinen Kopf durch das Fenster in mein Zimmer – es hat einen neuen Brief für mich. Jemand hat sich also die Zeit genommen und auf meine Anfrage geantwortet. Die Person ist jemand Fremdes: Ich weiß nicht, wer es ist, ich habe keine Möglichkeit, der Person zurückzuschreiben und trotzdem: Es sind herzliche, beruhigende Worte, die mir Kraft geben.

Kind Words ist ein sehr ungewöhnliches Spiel und das alleine schon, weil es kaum Elemente klassischer Spiele beinhaltet: Es gibt keine Ziele zu erreichen, Gegner zu besiegen, Level zu bestehen oder Erfolge zu erlangen. Stattdessen stellt die Anwendung eine Umgebung bereit, in der die Nutzerinnen und Nutzer sich Nachrichten schreiben können und dabei vollkommen anonym bleiben. Dazu kann man entweder Anfragen einsehen, die andere eingestellt haben, und darauf antworten, oder aber selbst eine Anfrage verfassen, die alle anderen einsehen und beantworten können. Im Zentrum stehen dabei die Emotionen: Nutzerinnen und Nutzer schildern negative Gefühle, berichten von Krankheiten oder Schicksalsschlägen, erzählen von Erlebtem. Zugestellt werden die kurzen abgeschickten Nachrichten dann als Briefe durch das Postreh.

Kind Words hat es sich damit zur Aufgabe gemacht, eine Plattform bereitzustellen, auf der Menschen einander niedrigschwellig und anonym Beistand leisten können. Dabei geht es nicht darum, dass Nutzerinnen und Nutzer Kontakte außerhalb der Anwendung knüpfen, sondern sich als Fremde gegenseitig wertschätzen und einander aufbauen.

Kind Words eignet sich besonders für den Psychologieunterricht, ist aber auch darüber hinaus geeignet, um ein Gespräch über die Bedeutung von und den Umgang mit Emotionen anzuregen. Dazu bietet das Spiel eine Umgebung, die die Lernenden dazu anregt, sich sowohl mit eigenen Emotionen als auch mit den Emotionen anderer auseinanderzusetzen. Anhand der Nachrichten in Kind Words können dabei u.a. Strategien für den Umgang mit negativen Emotionen und Erlebnissen erarbeitet werden. Aufgrund der gebotenen Anonymität besteht darüber hinaus für die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit eigene Nachrichten zu verfassen und zu beantworten.

Unter Umständen problematisch ist das Spektrum an Themen, das die Nutzerinnen und Nutzer von Kind Words ansprechen und das sich für unterrichtliche Zwecke nicht filtern lässt. So wird u.a. auch über Gewalt, Depressionen und den Tod von Angehörigen geschrieben. Für Schülerinnen und Schüler mit entsprechenden Vorerfahrungen kann diese Konfrontation schwierig sein. Für die Lehrkraft ist es daher umso wichtiger, ihre Klasse gut zu kennen und einschätzen zu können.