MauAR

Hinterm‘ Horizont geht’s erstmal nicht weiter…Wie aus einer physischen Mauer quer durch Berlin eine Mauer in den Köpfen der Menschen wird, beschreiben die beiden Hauptfiguren Johanna und Andreas in MauAR.

Andreas, ein während des Mauerbaus zehnjähriger Junge aus Ostberlin und Johanna, eine damals 15-Jährige Westberlinerin gewähren dabei Einblicke in das ambivalente Leben im geteilten Berlin.

Die Lernenden erleben, wie Johanna in Westberlin während des Mauerbaus in der Sequenz „Ein Sonntag im August“ den Sinn der geopolitischen Grenze nicht versteht, sich jedoch nach acht Jahren nicht nur an die Mauer gewöhnt, sondern sie in „Frontstadt“ als Oase der Ruhe im Kontrast zum politisch umkämpften Stadtkern empfindet. Wenngleich Westberlin als Ganzes, subventioniert durch die BRD, von ihr als kulturreiche und wohlhabende Stadt wahrgenommen wird, illustriert durch das sprichwörtliche Geld, das an Bäumen wächst.

Auch für Andreas ergibt die Mauer bei ihrem Bau noch keinen Sinn. Seine Eltern verlassen in „Der Geburtstag“ an seinem Ehrentag aus für ihn nicht ersichtlichen Gründen morgens für die Partei das Haus und lassen ihn mit einem Geburtstagskuchen zurück. Am Ende des Tages steht die Mauer und sein geliebter Kaugummiautomat bleibt in Westberlin für ihn nicht mehr erreichbar zurück. Die dabei empfundene Einengung wird anschaulich durch ein mit Stacheldraht eingezäuntes Bett und den Kaugummi-Automaten hinter der Mauer dargestellt.

In „Eine neue DDR“ demonstrieren 28 Jahre später Ostberliner Demonstrantinnen und Demonstranten im November 1989 noch friedlich für eine Änderung des DDR-Regimes mit den Forderungen nach freiheitlich-demokratischen Werten.

Die aufkeimenden Proteste münden letztendlich in der bekannten Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, als der Mauerfall vor allem am Kurfürstendamm als Symbol „des Westens“ und durch auf der Mauer feiernde Menschen zelebriert werden kann, was in der Sequenz „Kurfürstendamm Come Together“ dargestellt wird.

Dass mit dem Mauerfall nicht ruckartig alle Probleme rund um die DDR enden, zeigt ein Blick zwei Monate weiter. Am 15. Januar besetzen engagierte Bürgerinnen und Bürger die Zentrale der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen, um die Aktenvernichtung zu verhindern. Vorausgegangen war eine jahrzehntelange staatlich kontrollierte Massenüberwachung mit massiven Verletzungen der Privatsphäre der Bevölkerung, die ein omnipräsentes Gefühl der Unsicherheit verbreitet und damit fehlendes Vertrauen hervorgerufen hatte.

MauAR bietet eine höchst ambivalente und vielfältige Sichtweise auf das Leben im geteilten Berlin.

So lässt sich bspw. für den Unterricht eine dialektische Erläuterung der berühmten Aussage „In der DDR war nicht alles schlecht“ anstoßen, bei der auf die Aussagen von Andreas eingegangen werden kann („Was nützt ein Leben mit Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch wenn man sich nicht gegenseitig vertrauen kann?“ (aus der Sequenz „Ermächtigung des Volkes“)).

Außerdem: „Entstand die Mauer durch das Bestreben der teilweise unpolitischen Zivilbevölkerung und / oder durch das Handeln politisch engagierter Bürgerinnen und Bürger?“ Die Kinder bei MauAR stellen dabei die nichts ahnende Seite der Bevölkerung dar: Sie begreifen zu Beginn nicht, wieso und weshalb die Mauer überhaupt gebaut wird. Für sie wird die politische Grenze erst durch das Vorrücken der jeweiligen Panzer und das Errichten der teilenden Mauer bewusst. Die Eltern von Andreas bilden die Gegenseite: Mit der für den Jungen abstrakten Begründung „für die Partei“ wirken sie am Bau der Mauer mit.

Diese Fragestellung bietet somit die Möglichkeit, die Fähigkeiten der Lernenden zum abstrakten (politischen) Denken zu überprüfen. Voraussetzung dafür ist ein Grundwissen über politische Ideologien, um über eine mögliche Argumentation der Eltern nachdenken zu können.

Neben den parteipolitischen theoretischen Themen zeigt die Protagonistin Johanna auch die ambivalente und paradoxe Bedeutung der physischen Mauer auf: Ist sie einerseits ein Grund für politische Grabenkämpfe und die sinnbildlichen Mauern in den Köpfen der Menschen, gedeiht dort andererseits eine schöne Flora mit Tieren, die aus der Mauer ein Ort der Ruhe und Stille werden lassen und Johanna einen Ort für stundenlange Spaziergänge bieten.

Auch den damaligen Übergang von friedlichen Demonstrationen, bunt und vielfältig dargestellt in der Sequenz „Eine neue DDR“, hinzu rebellischen Protesten gegen die Staatssicherheit in dem in grauen Farbtönen gehaltenen Kapitel „Ermächtigung des Volkes“, an dessen politischem Ende die wiederum bunte und freudige Wiedervereinigung steht, zeigt MauAR auf schöne Art und Weise. Dass der Mauerfall keineswegs in ihrer Spontanität zu erwarten war, demonstriert anschaulich die zuvor aus dem Kino kommende Johanna und der sich mit der Menschenmasse in Richtung Brandenburger Tor bewegende Andreas. Für sie beide sind die damaligen Ereignisse zunächst verwirrend und surreal, zufällig treffen sie sich bei den sich anbahnenden Festlichkeiten. Als die Wiedervereinigung feststeht, zelebrieren sie diese, symbolisch als Vertreterin und Vertreter von West und Ost, gemeinsam mit einer halben Flasche Sekt. MauAR macht möglich, sich auch mit diesen Symboliken auseinanderzusetzen.