Am Pier in Algier drängen sich die Menschen in einer langen Schlange vor einem rostigen Fischkutter, jeder von ihnen mit einer eigenen Vergangenheit, Charakter und Hoffnungen. Der Fischkutter wird bald nach Italien aufbrechen, es ist eine gefährliche Überfahrt und mit Sicherheit werden nicht alle überleben. Auf das Boot wollen trotzdem alle.

Der Besitzer des Bootes, ein Schmuggler, entscheidet selbst, wen er mitnimmt. Er verhandelt mit den Flüchtlingen und presst so viel Geld wie möglich aus ihnen heraus – wer nicht genug zahlen kann oder ihm nicht gefällt, wird weggestoßen. Seine Motivation ist unbekannt: Ist er auf ein profitables Geschäft aus oder will er den Migranten ein besseres Leben im sicheren Europa ermöglichen?

Im englischsprachigen Browserspiel Passengers schlüpft der Spielende in die Rolle eines Schmugglers, der Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa bringt. In Vorbereitung auf die Reise entscheidet man sich für ein Boot (vom Wrack bis zum Speedboot) und Bestechungsgelder, die man gewillt ist, an die Behörden zu zahlen. Hat man sich dann noch entschieden, welches Ziel in Europa man erreichen will, besteht die nächste Aufgabe darin, auszuwählen, welche Flüchtlinge man mit auf die Reise nimmt.

Am nordafrikanischen Pier, wo die Reise beginnen wird, hat sich schon eine endlose Schlange von Menschen gebildet, die nach Europa wollen. Jeder von Ihnen hat einen Namen, einen Beruf, eine Geschichte, ein Ziel und einen Geldbetrag für die Reise. Bei jedem einzelnen muss der Spielende die Entscheidung treffen, ob diese Person mitgenommen wird. Ist das Boot voll, kann es weiter mit Menschen gefüllt werden, bis der Spieler der Meinung ist, genug Geld beisammen zu haben um seine Ausgaben zu decken.

Jedoch ist auch für die Auserwählten ein Ankommen in Europa noch nicht gesichert, rivalisierende Schmuggler, Unwetter, Hunger, Durst und die Küstenwache erschweren die Reise, es ist ein Glücksspiel für die Menschen auf dem Boot: Überlebt jemand die gefährliche Überfahrt oder sterben alle in einem Sturm, bei dem das rostige Fischerboot endgültig kentert?

Passengers spricht mit Migration und Flucht ein sehr aktuelles Thema an, bietet aber gleichzeitig eine neue Perspektive auf die damit verbundenen Probleme. Damit bietet sich ein Einsatz vorrangig in den Fächern Politik und Gemeinschaftskunde an, gleichzeitig ist aber auch ein Einsatz im Fach Ethik möglich, bei dem die Frage nach dem richtigen Handeln thematisiert wird.

Das Spiel individualisiert die Flüchtlinge, die unter Lebensgefahr das Mittelmeer überqueren, indem es jedem einzelnen einen Charakter gibt. Was mit dieser Information geschieht, liegt allerdings beim Spielenden. Die Entwickler selbst äußern sich folgendermaßen über Passengers:

„Migrants are all over the news. They’re treated as a group of people, not as individuals. We wanted to go beyond that, to show some of their individuality and how powerless it is in front of the acting monster, you.“

Für den Unterricht besonders spannend gestaltet sich deshalb die Reflexion über das eigene Spielhandeln, da man sehr schnell dazu übergeht, über die Geschichten der Migranten hinwegzusehen und nur noch darauf achtet, wer genügend Geld für die Überfahrt hat. Wenn der Drogendealer dann doppelt so viel zahlt wie der Teenager, dann ist es so – Skrupel haben in dieser Welt keinen Platz.

Gleichzeitig kennt das Spiel kein eigentliches Ziel, man kann es nicht gewinnen. Hat man Glück und überlebt die erste Reise, so beginnt direkt die zweite, wieder warten Menschen in einer endlosen Schlange auf ihre Chance für eine Überfahrt nach Europa.

Passengers ermöglicht in sehr kurzer Zeit eine besondere Erfahrung, indem es Flüchtlinge als Individuen zeigt, aber gleichzeitig die Diskussion darüber ermöglicht, warum sie eben nicht in dieser Individualität gesehen werden. Dabei ist das Spiel jedoch nicht belehrend, sondern belässt dem Spielenden seine Freiheit, kaltblütig oder barmherzig zu handeln.