Herzlich Willkommen im wohl phantasievollsten, aber auch grausamsten Grafiktreiber der Welt: deinem eigenen Kopf. Denn genau dort spielt The Day the Laughter Stopped – als Textadventure verzichtet das Browsergame vollständig auf den Einsatz von Illustrationen, sondern erzählt die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens ausschließlich textbasiert. Und das ist vielleicht besser so – denn The Day the Laughter Stopped berichtet von der Vergewaltigung der Protagonistin. Das Spiel beginnt daher auch mit einer Triggerwarnung und spätestens ab diesem Zeitpunkt ist den Spielenden klar: Das ist kein Spiel, dass sich mal eben so auf der Couch bei guter Laune spielt. The Day the Laughter Stopped ist ein zartes, und zugleich ungemein brutales Spiel, da den Spielenden die Perspektive von Vergewaltigungsopfern deutlich vor Augen geführt wird. Das Spiel beginnt an dem Tag, als die 14-jährige Protagonistin (sie bleibt während des Spiels namenlos) ihren späteren Vergewaltiger – einen 18-jährigen Jungen kennenlernt. Im Laufe des Spiels freunden die beiden sich an, wobei der Spielende an zentralen Schlüsselstellen entscheiden darf, wie sich das Mädchen verhält:   

Winkt sie dem Jungen auf dem Schulhof zu? Schreibt sie ihm eine Weihnachtskarte? Geht sie zu seiner Party?

Der Junge nähert sich dem Mädchen im Laufe des Spiels dabei immer mehr, und auch wenn die Spielenden den ersten Küssen zwischen ihm und dem Mädchen noch ausweichen wollen, können sie diese schlussendlich nicht verhindern. Schließlich bittet der Junge das Mädchen eines Abends auf einer Party an einem See auf einen Spaziergang mitzugehen. In der abgelegenen Einsamkeit eines Trampelpfades am Seeufer schließlich, noch in Hörweite des Partygelächters, kommt es zu der Vergewaltigung. Das Mädchen kann sich nicht wehren, der Spielende kann ihr nicht helfen. Zwar werden ihm die Optionen angezeigt, die Vergewaltigung über das Mädchen ergehen zu lassen oder aber den älteren Jungen wegzustoßen. Doch klicken die Spielenden auf „Wegstoßen“ geschieht…nichts. Das Mädchen ist machtlos, es kann den größeren Jungen nicht abwehren und so müssen sowohl sie als auch die oder der Spielende stumm ertragen, was sich im Gebüsch auf der Party ereignet.

Das Spiel endet damit, dass das Mädchen nach den Vorkommnissen am See in ihr heimisches Kinderzimmer zurückkehrt und ihr all die Dinge, die dort versammelt sind, fremd vorkommen: „Es gehörte jemandem, der hier nicht mehr lebte.“ Sie kann mit niemanden über die Ereignisse sprechen.

The Day the Laughter Stopped ist ein mächtiges, emotionales Spiel. Es ist deswegen auch kein leichtes Spiel, obwohl es ausschließlich über weiße Schrift auf einem schwarzen Untergrund und ein wenig Hintergrundmusik arbeitet, vermag es ein besonders schweres Thema eindringlich zu behandeln.

Unabhängig von den Entscheidungen der Spielenden kommt es am Ende zu der beschriebenen Vergewaltigung, und auch an den entscheidenden Stellen der Handlung entzieht das Spiel den Spielenden die vermeintliche Handlungsfreiheit vollständig. Beispielsweise tauchen – wie bereits angedeutet – kurz vor der Vergewaltigung zwei Optionen auf: Entweder das Geschehen zuzulassen oder den älteren Jungen wegzudrücken. Klicken die Spielenden auf die Option „wegdrücken“ geschieht nichts – der Junge ist einfach zu stark. Die vermeintliche Entscheidung ist keine. Die Statistik auf der Spielwebseite zeigt dabei, dass einzelne Personen über 1400-mal auf „wegdrücken“ klicken.

Aufgrund der besonderen Thematik und den möglichen persönlichen Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern mit auch sexueller Gewalt ist The Day the Laughter Stopped kein Spiel für den Regelunterricht. Wird das Thema allerdings – aus welchen Gründen auch immer – im Unterricht behandelt, kann dieses Spiel sehr hilfreich sein, da es eine besonders tiefe Auseinandersetzung anregt. Besonders die Möglichkeit, das Spiel gemeinsam zu spielen, soll deshalb an dieser Stelle hervorgehoben werden. The Day the Laughter Stopped wird am besten in einer Gruppe gespielt, in der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohl fühlen, besonders vom einsamen Spielen ist abzuraten.

The Day the Laughter Stopped behandelt ein sensibles Thema auf eindrückliche Art und Weise und kann daher als Grundlage für einen weitergehenden Austausch dienen.

In zwei Beiträgen äußert sich der Entwickler über seine Motivation hinter dem Spiel und warum er das Spiel auf diese Weise gestaltet hat:

https://hypnoticowl.com/de/the-day-the-laughter-stopped/

https://hypnoticowl.com/de/the-moment-the-choices-stopped/