• Jahr: 2014
  • Entwicklerstudio: Ubisoft Montpellier
  • Plattform: Windows, Android, iOS, Nintendo Switch, Play Station 3, Play Station 4, Xbox 360, Xbox One
  • Altersfreigabe: USK 12, PEGI 12
  • Geeignet für: Sekundarstufe I und II (ab Klasse 8)
  • Fachbezug: Deutsch, Geschichte

1. August 1914 – Am Vorabend des Ersten Weltkriegs beginnt die Mobilmachung und alle wehrfähigen Männer werden einberufen: so auch Karl und sein Schwiegervater Emile, die gemeinsam mit Karls Frau Marie und dem neugeborenen Sohn einen kleinen Bauernhof in Lothringen bewirtschaften. Kurz nachdem sie noch gemeinsam auf dem Feld standen und die Ernte einholten, finden sich die beiden auf unterschiedlichen Fronten eines Krieges wieder, den beide nicht wollten und dessen Gründe sie nicht interessieren.

Anfänglich übernimmt der/die Spielende die Rolle Emiles und lernt den Drill und das Grauen der frühen Schlachten kennen. Mit zunehmender Spieldauer schreitet der Krieg voran und der amerikanische Fremdenlegionär Freddie, die Feldärztin Anna und auch Karl nehmen wichtige Rollen ein. Hierdurch lernen die Spielenden unterschiedliche Perspektiven der am Krieg beteiligten sowie deren Beweg- und Hintergründe kennen und erleben den Verlauf des Ersten Weltkriegs anhand von zentralen Stationen und wichtigen Ereignissen.

Das Spiel nutzt die Optik eines Jump’and’Runs, wodurch es ihm gelingt, trotz freundlicher Grafik Zugänge zum unmenschlichen Grauen zu schaffen, das diesen Krieg zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts werden ließ. Hierbei bleibt Valiant Hearts durch und durch ein Antikriegsspiel, das weniger die politischen Fragen behandelt, sondern zeigt, dass es Menschen waren, die zu Millionen in diesem Krieg umkamen

Die Grauen des Ersten Weltkriegs sind so groß, dass eine Begegnung mit ihnen stets ins Abstrakte zu rutschen droht. Der gängigen Schwarz-Weiß-Ikonographie des Kriegs mit Schützengräben, geschlagenen Männern und Waffentechnologie setzt das Spiel eine zu Beginn bunte und lebensfrohe Weltdarstellung entgegen, die es erlaubt, die Abgründe und Grausamkeiten wahr- und ernst zu nehmen, ohne a priori zu verschrecken.

Valiant Hearts erzählt seine Geschichte linear, ein Ausbrechen aus den vom Spiel vorgegebenen Mustern ist nicht möglich. Im Deutschunterricht können so bekannte Verfahren der Erzähltextanalyse für das Spiel adaptiert werden, wobei Tagebucheinträge, geschichtliche Hintergrundinformationen und Frontbriefe, die die Spielenden optional rezipieren können, eine tiefere Auseinandersetzung mit den Figuren ermöglichen.

Insbesondere durch den Wechsel der Protagonisten und ihr stetiges Zusammenspiel gepaart mit zeitlichen Sprüngen ergibt sich eine anspruchsvolle, aber nicht zu komplexe Narration, die auch für Schüler*innen der Mittelstufe gut zu analysieren ist.

Valiant Hearts funktioniert als motivierendes, gut abgestimmtes Spiel einerseits, aber auch als Zugangsform zu historischen Ereignissen und Begebenheiten. Diese werden in die Handlung eingebettet, aber auch durch veränderte Originalquellen wie kolorierte Kriegsphotographien oder spezifische, historisch aufgeladene Gegenstände hinterlegt, die das Spiel mit Fakteninformationen anreichert.

Valiant Hearts entstand in enger Kooperation mit dem französischen Zentrum zur Aufarbeitung des ersten Weltkriegs Mission Centenaire 14-18, das dem Spiel das Label „Centenaire“ verliehen hat, mit dem „die innovativsten und am besten strukturierten Projekte [zum Gedenken an den 100. Jahrestag des Beginns des ersten Weltkriegs] ausgezeichnet werden.“

Trotz des Bemühens um historische Angemessenheit nimmt sich das Spiel zahlreiche spielerische Freiheiten, wenn etwa die Deutschen als Gegner ultimativ böse überzeichnet werden und der fiktive Antagonist Baron von Dorf mit seinem Zeppelin von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz fliegt. Hier besteht in jedem Fall Sensibilisierungs- und Reflexionsbedarf.

Zugleich ergeben sich durch die spielerischen Elemente ablenkende Passagen, wenn die Spieler*in als Anna in einem Minispiel mit einem Fronttaxi Hindernissen ausweichen muss, die einen recht oberflächlichen Actionblick auf reale Ereignisse (im diesem Beispiel: dem Einsatz der sogenannten ‚Marnetaxis‘) werfen.

So steht die spielerische Leichtigkeit auch visuell in einem Spannungsverhältnis mit der Schwere der gezeigten und erzählten Ereignisse, die das Spiel jedoch nicht umgeht, aber in zumeist optionalen Vertiefungsmöglichkeiten zurückstellt.

Dennoch gelingt dem Spiel viel: Es schafft einen Zugang zu einem zumeist abstrakt verbleibenden Thema, wirft ein Licht auf Individuen in einer entmenschlichten Umwelt und legt Reflexionsanlässe Grund ohne einen belehrenden Zeigefinger zu heben. Sowohl für den Deutsch- als auch Geschichtsunterricht kann es so einen wertvollen Beitrag leisten.