4. März: An diesem Morgen beginnt die dramatische Flucht der syrischen Ärztin Nour aus ihrer Heimatstadt Homs nach Europa, auf der Suche nach einem besseren Leben. Einzige Begleiter auf der ungewissen Reise sind ein Rucksack mit dem Nötigsten, etwas Bargeld und ihr Smartphone, mit dem sie Kontakt zu ihrem Ehemann Majd hält, der in Homs zurückbleiben muss. Der Plan ist einfach: Mit dem Taxi möchte Nour nach Beirut fahren, von dort mit dem Flugzeug nach Istanbul fliegen und dann weiter nach Europa. Ein Flugticket und ein türkisches Visum hat Nour bereits. Aber es kommt alles anders: Der Taxifahrer erklärt ihr, er werde nicht nach Beirut fahren, an der Grenze zum Libanon würde geschossen. Allerdings: Für einen Gefahrenzuschlag wäre er bereit, das Risiko einzugehen. Und so wendet sich Nour hilfesuchend an Majd: Was soll sie tun? Wohin soll sie fahren? Es ist der Anfang einer langen Odyssee.

In Bury Me, My Love übernehmen die Spielenden die Rolle des Majd, der die Flucht seiner Frau Nour quer durch den Nahen Osten und Europa am Smartphone begleitet. Die Spielenden haben dabei die Möglichkeit, auf die Nachrichten und Fotos, die Nour sendet, zu reagieren, wodurch sich die Geschichte unterschiedlich entwickelt und eines von 19 verschiedenen Enden erreicht werden kann. Auf ihrer Flucht kann Nour über 50 verschiedene Orte besuchen, die auf einer interaktiven Karte dargestellt werden und begegnet dabei verschiedensten Menschen, deren Schicksale sie berühren. So etwa Qamar. Die Architektin ist mit ihrer Familie nach Jordanien geflüchtet, wo sie nun in einem Flüchtlingslager einer ungewissen Zukunft für sich und ihre Kinder entgegenblickt. Oder der Nigerianer Emmanuel, dem es nach acht Jahren auf der Flucht endlich gelingt, nach Serbien zu gelangen, wo sein Schicksal für Nour im Dunklen liegt. Immer wieder ergeben sich für Nour neue Hindernisse und schwierige Entscheidungen: Kann sie dem Schmuggler vertrauen, der ihr in Istanbul für 1.500 Euro den Grenzübertritt nach Bulgarien verspricht? Soll sie sich auf den Weg nach Kroatien machen, auch wenn die dortigen Behörden damit gedroht haben, ihre Grenzen zu schließen? Und das alles während sich die Spielenden immer mehr die Frage stellen: Gelingt Nour die Flucht und der Start in ein neues Leben

Bury Me, My Love eignet sich für die Behandlung des Themas Migration in den Fächern Gemeinschaftskunde, Ethik oder Religion. Das Spiel zeichnet sich, wie auch A Normal Lost Phone oder Decount, durch seine Smartphone-Optik aus. Die Spielenden interagieren mit Nour über verschiedene Antwortoptionen und steuern auf diese Weise den Verlauf der Geschichte. Dabei gelingt es dem Spiel auf herausragende Weise, die von Krieg, Flucht und Entwurzelung geprägte Biografie vieler Syrer anhand von Einzelschicksalen deutlich zu machen. Den Spielenden wird schnell klar, dass die Schicksale Nours und der Menschen, denen sie begegnet, abhängig sind von den Umständen, in denen sie sich wiederfinden. Sie werden heimatlos zwischen Kriegszerstörung auf der einen und Stacheldrahtzäunen auf der anderen Seite, immer in verzweifelter Bewegung auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, dem oft tödlichen, immer aber zermürbenden Niemandsland zu entkommen.

Für den Unterricht bietet Bury Me, My Love die Chance, den Themenkomplex Migration in all seiner Breite zu beleuchten. Angefangen bei den Fluchtursachen, die eine gut ausgebildete und fest verwurzelte Frau dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen, über Wege der Flucht, die von den politischen Entscheidungen in verschiedensten Ländern bestimmt werden, bis hin zu der Verantwortung, die die Menschen füreinander tragen und die Nour in sich spürt, während andere sie allzu oft vergessen. Die Charaktere im Spiel bieten für Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, sich mit ihnen zu identifizieren und die individuelle Bedeutung von Flucht und Migration, die oft aus einer übergeordneten und abstrakten Perspektive besprochen werden, kenntlich zu machen. Es gelingt dem Spiel, die Spielenden für seine Figuren zu begeistern und das Interesse daran zu wecken, die Geschichte Nours weiter zu verfolgen. Dabei erhöhen die verschiedenen Enden der Geschichte den Reiz, die Geschichte erneut durchzuspielen und die Auswirkungen auch kleiner Entscheidungen zu entdecken. Die interaktive Karte veranschaulicht dabei das Geschehen und regt zum Nachvollzug der Fluchtroute an und bietet weitere Informationen zu den Orten, an denen sich Nour jeweils befindet. Immer wieder werden in den Spielverlauf interessante Informationen eingestreut, die zu einer weiteren Recherche mit der Klasse anregen, ist dabei aber niemals belehrend. Bury Me, My Love ermöglicht auf diese Weise einen individuellen Blick auf das Thema Flucht und regt gleichzeitig dazu ein, auch das Gesamtbild zu betrachten.